0 Strippenzieher: Charles P. Thacker



Charles P. Thacker

Thacker
Charles P. Thacker
Er ist eigentlich kein Unbekannter. Zumindest nicht in der Computerwelt. Er ist Preisträger des Turing Awards, der höchsten Auszeichnung für Informatiker. Vergleichbar mit dem Nobelpreis oder der Fields-Medaille. Aber wer kennt schon die Preisträger des Turings Awards?

Diesen Preisträger sollte man kennen. Denn im Gegensatz zu allen anderen der Preisträger kann man über ihn sagen, dass ein Steve Jobs oder ein Bill Gates ohne ihn vermutlich niemals bekannt geworden wäre.

Steve Jobs erzählt am Ende des kurzen Videos (aufgenommen Ende der 90er Jahre, siehe unten) vom „größten Sieg der Computerindustrie“. Dabei spricht er nicht von seinen eigenen Erfolgen, sondern von der Grundlage, für die Thacker hauptverantwortlich war. Thacker war in den 70er Jahren Projektleiter bei der Firma XEROX. Die war damals kurz davor, in der Versenkung zu verschwinden, da ihre Patente für den Fotokopierer ausliefen. Wie also innovativ und produktiv bleiben?

Ein über mehrere Jahre laufendes Brainstorming der klügsten Köpfe unter der Leitung von Thacker führte zum ersten Prototypen eines Computers mit graphischer Oberfläche. Im Dezember 1979 wurde das fertige Betriebssystem dem Chef von Apple, Steve Jobs vorgeführt. Es war - und das sagt Jobs selbst - der wohl bahnbrechendste Moment in seinem Leben. Er erkannte, dass dies der Weg war, wie Menschen in Zukunft mit Computern umgehen werden. Die Maus, Drag&Drop, das Anordnen von Inhalten über Fenster und vieles mehr, was heute selbstverständlich ist. Nun, wie es weiterging ist allgemein bekannt. Realisiert wurde das Prinzip im Macintosh 1984 und später wurde dieses Konzept geklaut von Bill Gates für Microsoft. Und heute gibt es kaum einen Menschen, für den das Prinzip der graphischen Benutzeroberfläche nicht zum Alltag gehört.

XEROX könnte heute die mächtigste Computerfirma der Welt sein. Sie ist es nicht, weil viele Verantwortliche damals das Potenzial nicht erkannt haben. Niemand würde sich jemals an ein Gerät wie die Maus gewöhnen und es sei utopisch, einen Computer konsequent graphisch zu bedienen. Wo gibt man die Befehle ein? Für Thacker war die Entwicklung zum XEROX ALTO, dem ersten PC mit grafischer Oberfläche, ein logischer Schritt, der sich aus den wachsenden Anforderungen der Zeit ergab.

Portrait
Der XEROX ALTO

Die erste Demo des XEROX ALTO



Über diese Rubrik
In unregelmässigen Abständen werde ich an dieser Stelle Menschen vorstellen, deren Namen nur selten in der Öffentlichkeit genannt werden, die ich aber für bedeutende Strippenzieher ihrer Zeit halte. Ich beschränke mich dabei nicht auf zeitgenössische Personen - es kann durchaus sein, dass ich weit in der Zeit zurückgehe. Vordenker werden manchmal erst sehr spät als solche erkannt.

Wenn ich voraussetze, dass es Strippenzieher gibt, dann sind die Personen, die an ihren Fäden hängen nur Marionetten? Nein, sicher nicht. Das mag für einige Strippenzieher gelten, aber ich möchte diese Metapher eher so verstanden wissen, dass Strippenzieher diejenigen sind, die anderen, vielleicht weit charismatischeren Persönlichkeiten, das wesentliche Handwerkszeug gegeben haben. Ein Handwerkszeug für etwas, dass unsere Gesellschaft maßgeblich verändert hat oder verändern wird.



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0 Strippenzieher: Christian Thomasius



Über diese Rubrik:

In unregelmässigen Abständen werde ich an dieser Stelle Menschen vorstellen, deren Namen nur selten in der Öffentlichkeit genannt werden, die ich aber für bedeutende Strippenzieher ihrer Zeit halte. Ich beschränke mich dabei nicht auf zeitgenössische Personen - es kann durchaus sein, dass ich weit in der Zeit zurückgehe. Vordenker werden manchmal erst sehr spät als solche erkannt.

Wenn ich voraussetze, dass es Strippenzieher gibt, dann sind die Personen, die an ihren Fäden hängen nur Marionetten? Nein, sicher nicht. Das mag für einige Strippenzieher gelten, aber ich möchte diese Metapher eher so verstanden wissen, dass Strippenzieher diejenigen sind, die anderen, vielleicht weit charismatischeren Persönlichkeiten, das wesentliche Handwerkszeug gegeben haben. Ein Handwerkszeug für etwas, dass unsere Gesellschaft maßgeblich verändert hat oder verändern wird.

Christian Thomasius
(1655-1728)

Thomasius
Der 4. Februar 1687 ist das wichtigste Datum der jüngeren Geschichte. Es markiert den Beginn der Neuzeit. Erst über einhundert Jahre später wird das ganze Ausmaß des Ereignisses dieses Tages sichtbar. 1789 geht das Volk hin und vollendet die Aufklärung - was mit dem methodischen Zweifel begann endet im Zweifel am Herrscher von Gottes Gnaden. Der Kopf von Ludwig XVI. landet schließlich unter dem Fallbeil. Die Konstitiuerung von Menschen- und Bürgerrechten zu vollziehen, ist noch heute die wohl wesentlichste und unerfüllteste Aufgabe der Regierung(en) in Europa.

Das alles wäre ohne den Pragmatismus von Christian Thomasius am 4. Februar 1687 nicht mal im Ansatz möglich gewesen. An diesem Tag hielt Thomasius als Professor in Leipzig die erste Vorlesung in deutscher Sprache. Wissen wurde von diesem Moment an nicht mehr länger in Latein, der Sprache, die der gebildeten Oberschicht vorbehalten war, vermittelt, sondern der breiten Masse, die dann einhundert Jahre später die Macht in die Hand nehmen kann.

Wissen ist Macht. Wissen bedeutet, aufgeklärt sein. Christian Thomasius ist der erste pragmatische Aufklärer gewesen. Ein Frühaufklärer, ohne den wir heute noch unter der Knechtschaft von Lehnsherrn obrigkeitshörig vor uns hinvegetieren würden. Das machte Thomasius zu einem der wichtigsten Strippenzieher seiner Zeit.

Wikipedia
Artikel zu Christian Thomasius in der der WELT
Zeitreise - Die Geschichte Mitteldeutschlands
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0 Jon Simons auf Deutschlandtour



Bei den sogenannten amerikanischen „Songwritern“ mit den Prädikaten Folk, Lyriker, Poet, denkt man zwangsläufig an Größen wie Bob Dylan oder Johnny Cash. Man sieht die Accousticgitarre, den Staub des Westens, endlose Weiten, die Kompensation von Einsamkeit.

Jon Simons ist derzeit in Deutschland unterwegs.
Das ist ein Klischee. Und wie bei jedem Klischee mit einem Stückchen Wahrheit behaftet. Jon Simons bildet hier vermutlich keine Ausnahme, ist aber doch ganz anders. Denn Simons beschränkt sich nicht nur auf den einfachen Gitarrensound. Ab und an tauchen Overdubs und kleine akkustische Effekte auf, die seine Musik sehr harmomisch wirken lassen. Laden Dylan oder Cash zum Träumen ein? - Eher nicht. Jon Simons schon.

Jon Simons ist derzeit auf Tour in Deutschland. Mit dabei sein Album „Through The Walls“, seinem Startschuss in die Künstlerkarriere aus dem Jahr 1999. Damals beschloss Simons seinen Job aufzugeben und komponierte diese Songs einer persönlichen Neuorientierung. 2013 wurde das Album remastered. Ein neues Album kommt 2015. Mehr Informationen auf der sehr schön gestalten Homepage des Künstlers: Bitte hier klicken.

The Love Troll (Official Video)


The Love Troll - Live in Köln



Konzerte in Deutschland: 

6 Dec 2014 Cologne, Germany, Café Lichtung
7 Dec 2014 Darmstadt, Germany, Theater im Pädagog
10 Dec 2014 Chemnitz, Germany, Aaltra
11 Dec 2014 Hamburg, Germany, Hasenschaukel
12 Dec 2014 Berlin, Germany, Linnen Café

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0 Mehr als nur offene Fragen - Der blinde Fleck



Wenn die Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy korrekt sind - und es gibt keinen vernünftigen Grund, dies anzuzweifeln - dann sollten kritische Menschen nach einem rechtsradikalen Mann Ausschau halten, der heute so Mitte 50 sein müsste. Wichtigstes Merkmal: Ihm fehlt eine Hand. Die hat er am 26.09.1980 am Haupteingang zum Münchner Oktoberfest verloren. Und angenommen, diesen Mann gibt es irgendwo und ferner angenommen, dieser Mann würde seine Erkenntnisse preisgeben - ein nie dagewesenes politisches, ja gesellschaftliches Erdbeben wäre die Folge.

Von Peter Killert.

Der blinde Fleck 2013 DE Poster
Der blinde Fleck (2013)
Franz Josef Strauß hat noch am Abend des Attentates den wohl folgenschwersten Fehler seiner politischen Laufbahn begangen - er hat das Oktoberfest-Attentat den „Linken“ angedichtet und den Rücktritt des damaligen Innenministers Baum gefordert. Dann aber kamen die Fakten ans Licht. Der vermeintliche Einzeltäter Gundolf Köhler war Mitglied der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann, deren Verbot Strauß abgelehnt hatte. Der Schuss ging für Strauß nach hinten los. Wie viele Stimmen Strauß dann eine Woche später bei der Bundestagswahl mit ihm als Kanzlerkandidaten deswegen abhandengekommen sind - darüber kann man nur spekulieren. Es ist aber dennoch wahrscheinlich, dass diese Aussage Strauß die Kanzlerschaft gekostet hat.

Beim Oktoberfestattentat am 26.09.1980 starben 13 Menschen. Unter ihnen drei Kinder und der Attentäter selbst. Über 200 wurden zum Teil schwerverletzt. Das Oktoberfest-Attentat war der bis heute folgenschwerste terroristische Anschlag in Deutschland. Aber war Gundolf Köhler wirklich ein Einzeltäter?

Der Journalist und Autor Ulrich Chaussy recheriert seit mehr als drei Jahrzehnten und hat ein unbestreitbares Netz aus Vertuschung, Lügen und Ungereimtheiten aufgedeckt. Ein Buch zu dem Attentat aus dem Jahr 1985 wurde 2012 neu aufgelegt und im Kontext der NSU Morde mit dem Untertitel „Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“ versehen. Justiz und Verfassungsschutz haben nicht erst bei den NSU-Morden versagt - alles begann am 26.09.1980.

Der Spielfilm „Der blinde Fleck“ aus dem Jahr 2013 erzählt von Chaussys Recherchen. In der Hauptrolle Benno Führmann, der den Journalisten Ulrich Chaussy spielt. Chaussy ist Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und kommt mit dem Hinterbliebenen-Anwalt der Oktoberfest-Opfer Werner Dietrich (gespielt von Jörg Hartmann) in Kontakt. Als er immer mehr Anhaltspunkte findet, die die These der Alleintäterschaft des Gundolf Köhler unhaltbar machen, beginnt er weitergehend zu recherchieren. Unterstützung erhält er aus Kreisen des Staatsschutzes von einem Referenten, der Chaussy aber offensichtlich ausnutzen will, um selbst Karriere zu machen. Dieser Referent weiß von Praktiken des Staatsschutzes, bei denen gezielt Informationen an Journalisten weitergegeben werden. Chef des Referenten ist Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach), seines Zeichens Leiter des bayerischen Landesamtes für den Staatsschutz und - nach eigenen Aussagen - einflussreichste Persönlichkeit nach dem Ministerpräsidenten. Für einen ähnlichen Vorfall - die Weitergabe von Informationen an Journalisten - wurde Langemann Anfang der 90er Jahre auch tatsächlich rechtskräftig verurteilt.

Die Recherchen von Chaussy fördern immer mehr Ungereimtheiten zutage. Warum schließt ein angeblicher Einzelgänger, vom Leben frustrierter junger Mensch eine Woche vor seinem Selbstmord einen Bausparvertrag ab, gründet eine Band und fährt mit einem Interrail-Ticket durch ganz Europa? Woher kennt dieser junge Mann die Feinheiten im Umgang mit nachweislich militärischem Sprengstoff? Und wo sind die beiden Männer, mit denen Köhler kurz vor dem Attentat am Papierkorb, in dem die Bombe versteckt war, gestritten hatte? Zeugenaussagen, die die Existenz dieser Männer belegen, werden nicht berücksichtigt. Der wichtigste Augenzeuge, ein Homosexueller, der Köhler aus Interesse sehr lange beobachtet hatte, stirbt sogar den plötzlichen Herztod. Warum beginnt bei den Menschen, die über die Herkunft des Sprengstoffes Bescheid wissen, die „Wolfszeit“ - eine Serie von Selbstmorden? Die Spekulationen gehen immer weiter. Gab es Kontakte zwischen der Wehrsportgruppe Hoffmann und dem rechtsradikalen Netzwerk „Gladio“, verantwortlich für ähnliche Anschläge in anderen europäischen Ländern?

Der Titel des Films ist dabei sehr geschickt gewählt, denn der „Blinde Fleck“ ist sowohl ein Begriff aus der Psychologie (als Synonym für „kognitive Dissonanzen“) als auch aus der Medizin und bezeichnet eine Sehschwäche. Ich tendiere dazu, die medizinische Bedeutung hier heranzuziehen. „Der blinde Fleck“ als Synonym für eine Justiz, die auf einem Auge blind zu sein scheint.

Die große Frage, die der Film aufwirft: „Will die Justiz auf einem Auge blind sein oder ist es nur komplettes Versagen Einzelner?“  - Besondere Relevanz bekommt diese Schlüsselfrage vor dem Hintergrund des NSU Terrors, mehr als zwanzig Jahre nach dem Oktoberfestattentat. Kann es möglich sein, das Justiz und Staatsschutz gleich zweimal so eklatant versagen? Im Spielfilm wird diese Frage dadurch aufgeworfen, dass Chaussy seine Recherchen längst abgeschlossen und sich - vor allem auch wegen der Gefahr, in die er sich selbst und seine Familie brachte - von dem Thema abgewendet hatte. Der NSU Terror hat die alten Fragen wieder in das Zentrum gerückt. Chaussy beginnt wieder zu recherchieren.

Jetzt sind wir wieder bei der mysteriösen, abgerissenen Hand. Diese wurde am Tatort gefunden, konnte weder Köhler noch einem der Opfer zugeordnet werden und lag seit dem Attentat in der Asservatenkammer. Die Fingerabdrücke dieser Hand waren im Keller von Gundolf Köhler gefunden worden. Jetzt, über dreißig Jahre nach dem Attentat, wäre ein DNA Abgleich möglich gewesen. Chaussys Anfrage beim Genrealbundesanwalt erhält eine unglaubliche Antwort: alle Asservate seien aus Platzmangel Anfang der 90er Jahre vernichtet worden - nicht irgendwelche Asservate, sondern die des schlimmsten Terroranschlages der Deutschen Geschichte.

Der Film hat eine besondere Stärke. Er könnte die dramatischen Ereignisse sehr viel actionreicher darstellen. Das macht der Film nicht und unterstreicht damit seinen dokumentarischen Charakter. Der Film wirft sehr viel mehr Fragen auf, als er beantwortet. Er hat kein Happy End. Er hat überhaupt kein richtiges Ende. Überhaupt sind wir erst ganz am Anfang.

Letzten Monat hat der bayerische Landtag über die Wiederaufnahme der Ermittlungen beraten. Offizieller Grund: nicht ausgewertete Akten und eine neue Zeugenaussage: eine Frau hat bei einem Freund von Köhler einen verfassten Nachruf gelesen. Zu einem Zeitpunkt, an dem niemand den Namen Köhler kannte … .



Interaktives Dossier des Bayerischen Rundfunks mit vielen Hintergründen und Interviews.

Wikipedia Hintergründe zum Attentat.

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0 Perlentaucherei im Oktober



Nach einiger Pause wieder ein bisschen „Perlentaucherei“. Diesmal mit einer Kurzkritik zum neuen Album von U2, einem Romanfragment aus dem Nachlass von Wolfgang Herrndorf und einem neuen Video der Band „hearhere“.

U2 und Apple - Dinosaurier unter sich

Es war der eigentliche Coup beim „One More Thing“ Apple Event im September 2014. Apple Watch auf der einen Seite und irgendwie hatte U2 damit etwas zu tun, munkelte man in der Gerüchteküche. Oft ist an den Gerüchten auch wirklich etwas dran. Dann gab es aber eine wirklich große Überraschung. Das neue Album „Songs Of Innocence“ von U2 wurde für alle iTunes Nutzer kostenlos angeboten. War aus Bono, dem Gutmenschen, jetzt auch ein spendabler Künstler geworden, der seine Fans völlig ohne Hintergedanken beschenkt?
Nein - die Aktion ist natürlich eine Win-Win Situation. Anders als bei „In Rainbows“ von Radiohead, bei dem der Kunde über den Preis selbst entscheiden konnte, ist diese Aktion radikal und wird vielleicht Schule machen. Obwohl Apple einige Millionen aus der Portokasse an U2 gezahlt hat, wird sich dieses Ereignis auszahlen - verdienen wird U2 bei den bald folgenden Konzerten und den unglaublichen Preisen für die Tickets. Die Show aber, ist immer gut. Das weiß auch Apple. Wer auf einer Produktvorstellung so einen Coup hinlegt und eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten vor den Karren spannt, tut etwas für sein Image. Apple war ja schon auf dem Zenit. Mit der Musik von U2 wird der Abstieg in jedem Fall stilvoll sein.

Aber jetzt mal etwas zur musikalischen Seite. Die letzten beiden Alben von U2 „How To Dismantle An Atomic Bomb“ (2004) und „No Line On The Horizon“ (2009) waren grottig. Zwei Songs auf „How To Dismantle An Atomic Bomb“ sind mir im Ohr geblieben („City Of The Blinding Lights“ und „Sometimes You Can´t Make It On Your Own“). Und selbst die wirkten wie ein Abklatsch alter Qualitäten. „No Line On The Horizon“ war ein Totalausfall. Sind U2 mit „Songs Of Innocence“ wieder zurück?

Nicht ganz. Das Album ist viel besser als die beiden letzten Alben. In etwa auf dem Niveau von „All That You Can´t Leave Behind“ (2000) - aber meilenweit von „Joshua Tree“ (1987) oder „Achtung Baby“ (1991) entfernt. Die Aussage von Bono, dass die Songs sehr viel näher an den Wurzeln von U2 sind, ist korrekt. „Raised By Wolves“ könnte genauso auf den Alben „Boy“ (1980) oder „War“ (1983) aus den Anfängen von U2 stammen. „Every Breaking Wave“ hingegen hört sich wie eine Ergänzung zu „Beautiful Day“ an.

Fazit: Diese Aktion hätte echt komplett in die Hose gehen können. Aber der musikalische Aufwärtstrend ist deutlich zu erkennen. Wenn ich mir das Album gekauft hätte, wäre es keine Geldverschwendung gewesen. Leider werden wir nie erfahren, wie die Musikwelt diese elf Songs ohne den Apple-Event aufgenommen hätte. Die Rückkehr von Dinosauriern löst halt keine Euphorie mehr aus. Schon gar nicht wenn sie im Jurassic-Park des Apple Konzerns stattfindet.


Bilder Deiner großen Liebe


Zuerst habe ich gedacht, es war wohl ein Fehler, in meiner Rezension von „Arbeit und Struktur“ vom Vermächtnis Wolfgang Herrndorfs geschrieben zu haben. Denn jetzt kommt noch etwas hinterher. „Bilder deiner großen Liebe“ ist ein fragmentarischer Roman-Entwurf mit einer Protagonistin aus dem Roman „Tschick“ namens „Isa“. Eigentlich sollte dieses Buch gar nicht erscheinen - die Nachlassverwalter haben sich aber für eine Veröffentlichung entschieden und begründen dies auch in einem ausführlichen Nachwort.

„Bilder Deiner großen Liebe“ ist während der Arbeit am Weblog entstanden, immer im Bewusstsein, dass es nie fertig werden würde. Herrndorf schreibt gegen Ende seines Blogs und seines Lebens, wie er nicht mehr weiterkommt. Man kann dieses Fragment auf zweierlei Art und Weise lesen. Als Ergänzung zu „Tschick“ oder als Versuch, ein letztes Werk jenseits des alles bestimmenden Kampfes gegen den Tod, jenseits des alltäglichen Versuchs „Arbeit und Struktur“ so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, zu erschaffen. Ich befürchte, dass letztere Lesart dominieren wird.

Dieses Fragment hat nicht die Bedeutung wie andere große Fragmente der Literaturgeschichte. Es ist die Welt aus der Sicht von „Isa“, dem Müllmädchen und seiner Sicht auf die Welt. Realität und Traum verschwimmen. Isa weiß so oft nicht, ob sie verrückt ist oder einem vernünftigen Gedanken nachjagt. Eine Situation, die Herrndorf so oft in „Arbeit und Struktur“ beschreibt.

Als Isa in den Himmel schaut und über Endlichkeit oder Unendlichkeit nachdenkt, kommt sie zu einer Erkenntnis: „Im einen Moment denkt man, man hat s. Dann denkt man wieder, man hat es nicht. Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denken will, dreht er sich unendlich im Kreis, und wenn man aus dieser unendlichen Schleife nicht mehr rauskommt, ist man wieder verrückt. Weil man etwas verstanden hat.“

Herrndorf hat die Ausweglosigkeit seiner eigenen Gedanken, die um das nahe Ende kreisten, literarisch etabliert. In einer Protagonistin, die unfertig ist. Die Unfertigkeit aber ist Grundlage von Naivität. Naivität ist die natürlichste Form der Neugier. Und mit Neugier beschreibt man die Welt am besten. Isa ist Naivität - nicht aus Unwissenheit, sondern geboren aus der Unfertigkeit von nahender Verzweiflung.

„Bilder Deiner großen Liebe“ ist sehr lesenwert. Je nachdem, aus welcher der beiden Sichtweisen sie an das Werk von Herrndorf herangehen wollen: lesen sie „Tschick“ und dieses Buch als Ergänzung. Oder „Arbeit und Struktur“. Oder alles drei. Und überhaupt - wenn da noch mehr kommt, die Korrepondenz von Herrndorf mit den Menschen, die nahe an ihm dran waren vielleicht. Oder eine Biographie irgendwann, ein Bildband, eine Dokumentation - nun, es ist in jedem Fall eine Bereicherung.


hearhere - „Rain"


Ein neues Video zu einem Song aus dem Album „Shadows Of The Ones We Love“. Einfach anschauen, zuhören und geniessen. Wer "hearhere" noch nicht kennt - hier gibt es einen Review zum Kennenlernen.

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0 Imperatives Schweigen



Es gibt zwei Zitate von zwei wichtigen Philosophen. Beide Zitate sollten von jedem, der sich zum Denken berufen fühlt, zutiefst verinnerlicht werden. Diese Auffassung zu vertreten, prägt mein Schreiben, mein Ich, mein denkendes Ich seit geraumer Zeit. Auf meiner Insel - Aufenthalte dort sind pure Horizonterweiterung - habe ich beide Zitate jetzt sehr viel näher zusammengebracht. Ich bin verblüfft. Ich bin seit langem sicher, dass es eine Art von Mathematik in der Abstraktion gibt, eine Art Inventar von noch unentdeckten Formeln, versteckt in unserer Sprache. Aber dass zwei auf den ersten Blick und in jahrelanger Verinnerlichung gänzlich verschiedene Zitate auf den gleichen substantiellen, kaum beschreibbaren Kern abzielen, hat mich überrascht. Hier der Versuch, meine Erkenntnis zu erklären.

Von Peter Killert.

In meinem Essay „Varianten des Imperativs“ bin ich auf die universelle Bedeutung des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant eingegangen und habe ihn mit Varianten der großen aktuellen Philosophen Thomas Scarlon und Derek Parfit verknüpft. Diese Verknüpfung war sehr einleuchtend, da beide ihre Texte natürlich auch zu Kant in Relation setzen.

Ein anderer wichtiger Satz stammt jedoch aus dem Werk „Tractatus logico-philosophicus“. In diesem Werk stehen viele sehr gute Sätze. Einer ragt heraus. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Meine These ist nun ganz einfach. Ich behaupte, dass eine Erfüllung der Forderung Wittgensteins, eine perfekte Umsetzung des kategorischen Imperativs von Kant ist. Beide Sätze führen zu demselben Ziel: zu einem kategorischen, normativen Anspruch. Mehr noch: die Beherzigung der Forderung Wittgensteins ist ein ganz einfacher Anlass, dem kategorischen Imperativ von Kant eine praktische Anwendung abzugewinnen: das imperative Schweigen.

Man kann noch weiter gehen. Schweigen zu etwas, zu dem man nichts sagen kann, ist das ´Wollen-Können´ einer Maxime, aus der ein allgemeines Gesetz werden kann. Man stelle sich das vor: Menschen reden nur noch über das, worüber sie auch wirklich etwas sagen können. Natürlich kommt dabei direkt das Berufsbild des Politikers in den Sinn. Man stelle sich vor, Politiker reden und entscheiden nur über Dinge, über die sie etwas sagen können. Es würde sich wieder lohnen, den Redebeiträgen des Parlamentes zu folgen oder Talkshows anzusehen.
Natürlich ist mir bewusst, dass ich polemisiere. Weder Politiker, noch gewöhnliche Menschen, reden ausschließlich über Dinge, von denen sie nichts sagen können.

Fassen wir den Begriff ´reden´ ein wenig weiter und nehmen ´Kommunkation´ im Allgemeinen hinzu. Am besten noch die Kommunikation, die im vermeindlichen Schutzmantel der Anonymität der globalisierten Welt nicht nach Wissen oder Nicht-Wissen fragt. Das ´teilen´ von Unwissen ist nicht anderes, als das Reden statt eines angebrachten Schweigens. Gefährlich. Das ist sehr gefährlich, besonders in der Photoshopped Reality.
Da wird die Kippa eines Juden wegretuschiert und schon wird aus dem Opfer der einen Partei, ein Argument für eine nicht existente Realität. Da werden Inhalte geteilt, die man ausblenden, über die man schweigen sollte. Denn niemand kann wirklich etwas über diese Art der Realität sagen.

So entstehen unsäglich interessante Zusammenhänge:


  • Wenn ich nicht schweige, wo ich schweigen müsste und jemand schenkt dieser Oberflächlichkeit Glauben, trage ich dazu bei, dass die Welt falsch gesehen wird.
  • Ein falscher Blick auf die Welt ist wie die Orientierung an falschen Maximen.
  • Realität wird nicht nur durch Handeln bestimmt, sondern auch durch Worte.
  • Realität wird nicht nur durch Worte oder Handeln bestimmt, sondern auch durch Schweigen.
  • Schweigen birgt in sich das Potential einer Maxime für ein allgemeines Gesetz.
  • Schweigen ist vielleicht nicht immer richtig oder angebracht; Schweigen aber ist immer imperativ.
  • Handeln aus Unwissen oder Reden trotz Unwissen hat dieselben Folgen; es dient der Erbauung falscher Maximen.


Aber zurück zu Wittgenstein und Kant. Hat der Satz von Wittgenstein die gleiche Kraft wie der kategorische Imperativ? Ist der Satz von Wittgenstein nicht viel zu einfach?
Genau diese Frage und ihre Antwort ist so überraschend für mich. Darüber zu schweigen, wozu man nichts sagen kann, ist tatsächlich die einzig mir bekannte praktische Anwendung des kategorischen Imperativs. Ist das nicht unglaublich faszinierend? Die Maxime, die zu einem Allgemeinen Gesetz werden kann, ist das Schweigen. Das Handeln, das Kant meint, ist das Schweigen. Das imperative Schweigen. Ein Nicht-Handeln der besonderen Art. Ein Nicht-Handeln, das auf dem Bewusstsein von Nicht-Wissen, der stärksten Form von Mündigkeit basiert.

Mein Pläydoyer ist also ganz klar: Reden wir, wir alle, ab sofort nur noch über Dinge, über die wir wirklich etwas zu sagen haben. Und wenn wir etwas zu sagen haben, dann wollten wir auch die Mühe aufbringen, die richtigen Worte zu finden. Schweigen aber ist Nicht-Handeln. Reden wir über etwas, was andere mit ihrer Mündigkeit uns in den Mund legen wollen, Bilder, Nachrichten, Eindrücke, die wir anonym teilen sollen, dann werden wir dies ab sofort nur noch tun, wenn der Gegenstand über den wir reden und den wir mit unseren Worten in unsere Welt einordnen, so stark in unser eigenes, individuelles Wissen und unsere Mündigkeit eingebracht ist, dass es sich lohnt, das Schweigen zu brechen. Wir brechen die Maxime des Schweigens bewusst auf und stellen fest, wie banal das richtige Handeln doch ist: wir reden nur noch dann, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben.

Persönliche Anmerkung: Sie kennen jetzt den Grund, warum nur so sporadisch Artikel im Kultur-Magazin erscheinen. Ich schreibe nur dann, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich schreibe niemals über ungelesene Bücher, ungehörte Musik oder ungesehene Filme. Ich schreibe überhaupt nur dann, wenn mich ein Gedanke über eine längere Zeit beschäftigt und zum Durchdenken bewogen hat.






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