0 Mehr als nur offene Fragen - Der blinde Fleck



Wenn die Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy korrekt sind - und es gibt keinen vernünftigen Grund, dies anzuzweifeln - dann sollten kritische Menschen nach einem rechtsradikalen Mann Ausschau halten, der heute so Mitte 50 sein müsste. Wichtigstes Merkmal: Ihm fehlt eine Hand. Die hat er am 26.09.1980 am Haupteingang zum Münchner Oktoberfest verloren. Und angenommen, diesen Mann gibt es irgendwo und ferner angenommen, dieser Mann würde seine Erkenntnisse preisgeben - ein nie dagewesenes politisches, ja gesellschaftliches Erdbeben wäre die Folge.

Von Peter Killert.

Der blinde Fleck 2013 DE Poster
Der blinde Fleck (2013)
Franz Josef Strauß hat noch am Abend des Attentates den wohl folgenschwersten Fehler seiner politischen Laufbahn begangen - er hat das Oktoberfest-Attentat den „Linken“ angedichtet und den Rücktritt des damaligen Innenministers Baum gefordert. Dann aber kamen die Fakten ans Licht. Der vermeintliche Einzeltäter Gundolf Köhler war Mitglied der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann, deren Verbot Strauß abgelehnt hatte. Der Schuss ging für Strauß nach hinten los. Wie viele Stimmen Strauß dann eine Woche später bei der Bundestagswahl mit ihm als Kanzlerkandidaten deswegen abhandengekommen sind - darüber kann man nur spekulieren. Es ist aber dennoch wahrscheinlich, dass diese Aussage Strauß die Kanzlerschaft gekostet hat.

Beim Oktoberfestattentat am 26.09.1980 starben 13 Menschen. Unter ihnen drei Kinder und der Attentäter selbst. Über 200 wurden zum Teil schwerverletzt. Das Oktoberfest-Attentat war der bis heute folgenschwerste terroristische Anschlag in Deutschland. Aber war Gundolf Köhler wirklich ein Einzeltäter?

Der Journalist und Autor Ulrich Chaussy recheriert seit mehr als drei Jahrzehnten und hat ein unbestreitbares Netz aus Vertuschung, Lügen und Ungereimtheiten aufgedeckt. Ein Buch zu dem Attentat aus dem Jahr 1985 wurde 2012 neu aufgelegt und im Kontext der NSU Morde mit dem Untertitel „Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“ versehen. Justiz und Verfassungsschutz haben nicht erst bei den NSU-Morden versagt - alles begann am 26.09.1980.

Der Spielfilm „Der blinde Fleck“ aus dem Jahr 2013 erzählt von Chaussys Recherchen. In der Hauptrolle Benno Führmann, der den Journalisten Ulrich Chaussy spielt. Chaussy ist Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und kommt mit dem Hinterbliebenen-Anwalt der Oktoberfest-Opfer Werner Dietrich (gespielt von Jörg Hartmann) in Kontakt. Als er immer mehr Anhaltspunkte findet, die die These der Alleintäterschaft des Gundolf Köhler unhaltbar machen, beginnt er weitergehend zu recherchieren. Unterstützung erhält er aus Kreisen des Staatsschutzes von einem Referenten, der Chaussy aber offensichtlich ausnutzen will, um selbst Karriere zu machen. Dieser Referent weiß von Praktiken des Staatsschutzes, bei denen gezielt Informationen an Journalisten weitergegeben werden. Chef des Referenten ist Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach), seines Zeichens Leiter des bayerischen Landesamtes für den Staatsschutz und - nach eigenen Aussagen - einflussreichste Persönlichkeit nach dem Ministerpräsidenten. Für einen ähnlichen Vorfall - die Weitergabe von Informationen an Journalisten - wurde Langemann Anfang der 90er Jahre auch tatsächlich rechtskräftig verurteilt.

Die Recherchen von Chaussy fördern immer mehr Ungereimtheiten zutage. Warum schließt ein angeblicher Einzelgänger, vom Leben frustrierter junger Mensch eine Woche vor seinem Selbstmord einen Bausparvertrag ab, gründet eine Band und fährt mit einem Interrail-Ticket durch ganz Europa? Woher kennt dieser junge Mann die Feinheiten im Umgang mit nachweislich militärischem Sprengstoff? Und wo sind die beiden Männer, mit denen Köhler kurz vor dem Attentat am Papierkorb, in dem die Bombe versteckt war, gestritten hatte? Zeugenaussagen, die die Existenz dieser Männer belegen, werden nicht berücksichtigt. Der wichtigste Augenzeuge, ein Homosexueller, der Köhler aus Interesse sehr lange beobachtet hatte, stirbt sogar den plötzlichen Herztod. Warum beginnt bei den Menschen, die über die Herkunft des Sprengstoffes Bescheid wissen, die „Wolfszeit“ - eine Serie von Selbstmorden? Die Spekulationen gehen immer weiter. Gab es Kontakte zwischen der Wehrsportgruppe Hoffmann und dem rechtsradikalen Netzwerk „Gladio“, verantwortlich für ähnliche Anschläge in anderen europäischen Ländern?

Der Titel des Films ist dabei sehr geschickt gewählt, denn der „Blinde Fleck“ ist sowohl ein Begriff aus der Psychologie (als Synonym für „kognitive Dissonanzen“) als auch aus der Medizin und bezeichnet eine Sehschwäche. Ich tendiere dazu, die medizinische Bedeutung hier heranzuziehen. „Der blinde Fleck“ als Synonym für eine Justiz, die auf einem Auge blind zu sein scheint.

Die große Frage, die der Film aufwirft: „Will die Justiz auf einem Auge blind sein oder ist es nur komplettes Versagen Einzelner?“  - Besondere Relevanz bekommt diese Schlüsselfrage vor dem Hintergrund des NSU Terrors, mehr als zwanzig Jahre nach dem Oktoberfestattentat. Kann es möglich sein, das Justiz und Staatsschutz gleich zweimal so eklatant versagen? Im Spielfilm wird diese Frage dadurch aufgeworfen, dass Chaussy seine Recherchen längst abgeschlossen und sich - vor allem auch wegen der Gefahr, in die er sich selbst und seine Familie brachte - von dem Thema abgewendet hatte. Der NSU Terror hat die alten Fragen wieder in das Zentrum gerückt. Chaussy beginnt wieder zu recherchieren.

Jetzt sind wir wieder bei der mysteriösen, abgerissenen Hand. Diese wurde am Tatort gefunden, konnte weder Köhler noch einem der Opfer zugeordnet werden und lag seit dem Attentat in der Asservatenkammer. Die Fingerabdrücke dieser Hand waren im Keller von Gundolf Köhler gefunden worden. Jetzt, über dreißig Jahre nach dem Attentat, wäre ein DNA Abgleich möglich gewesen. Chaussys Anfrage beim Genrealbundesanwalt erhält eine unglaubliche Antwort: alle Asservate seien aus Platzmangel Anfang der 90er Jahre vernichtet worden - nicht irgendwelche Asservate, sondern die des schlimmsten Terroranschlages der Deutschen Geschichte.

Der Film hat eine besondere Stärke. Er könnte die dramatischen Ereignisse sehr viel actionreicher darstellen. Das macht der Film nicht und unterstreicht damit seinen dokumentarischen Charakter. Der Film wirft sehr viel mehr Fragen auf, als er beantwortet. Er hat kein Happy End. Er hat überhaupt kein richtiges Ende. Überhaupt sind wir erst ganz am Anfang.

Letzten Monat hat der bayerische Landtag über die Wiederaufnahme der Ermittlungen beraten. Offizieller Grund: nicht ausgewertete Akten und eine neue Zeugenaussage: eine Frau hat bei einem Freund von Köhler einen verfassten Nachruf gelesen. Zu einem Zeitpunkt, an dem niemand den Namen Köhler kannte … .



Interaktives Dossier des Bayerischen Rundfunks mit vielen Hintergründen und Interviews.

Wikipedia Hintergründe zum Attentat.

[Weiterlesen ...]


0 Perlentaucherei im Oktober



Nach einiger Pause wieder ein bisschen „Perlentaucherei“. Diesmal mit einer Kurzkritik zum neuen Album von U2, einem Romanfragment aus dem Nachlass von Wolfgang Herrndorf und einem neuen Video der Band „hearhere“.

U2 und Apple - Dinosaurier unter sich

Es war der eigentliche Coup beim „One More Thing“ Apple Event im September 2014. Apple Watch auf der einen Seite und irgendwie hatte U2 damit etwas zu tun, munkelte man in der Gerüchteküche. Oft ist an den Gerüchten auch wirklich etwas dran. Dann gab es aber eine wirklich große Überraschung. Das neue Album „Songs Of Innocence“ von U2 wurde für alle iTunes Nutzer kostenlos angeboten. War aus Bono, dem Gutmenschen, jetzt auch ein spendabler Künstler geworden, der seine Fans völlig ohne Hintergedanken beschenkt?
Nein - die Aktion ist natürlich eine Win-Win Situation. Anders als bei „In Rainbows“ von Radiohead, bei dem der Kunde über den Preis selbst entscheiden konnte, ist diese Aktion radikal und wird vielleicht Schule machen. Obwohl Apple einige Millionen aus der Portokasse an U2 gezahlt hat, wird sich dieses Ereignis auszahlen - verdienen wird U2 bei den bald folgenden Konzerten und den unglaublichen Preisen für die Tickets. Die Show aber, ist immer gut. Das weiß auch Apple. Wer auf einer Produktvorstellung so einen Coup hinlegt und eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten vor den Karren spannt, tut etwas für sein Image. Apple war ja schon auf dem Zenit. Mit der Musik von U2 wird der Abstieg in jedem Fall stilvoll sein.

Aber jetzt mal etwas zur musikalischen Seite. Die letzten beiden Alben von U2 „How To Dismantle An Atomic Bomb“ (2004) und „No Line On The Horizon“ (2009) waren grottig. Zwei Songs auf „How To Dismantle An Atomic Bomb“ sind mir im Ohr geblieben („City Of The Blinding Lights“ und „Sometimes You Can´t Make It On Your Own“). Und selbst die wirkten wie ein Abklatsch alter Qualitäten. „No Line On The Horizon“ war ein Totalausfall. Sind U2 mit „Songs Of Innocence“ wieder zurück?

Nicht ganz. Das Album ist viel besser als die beiden letzten Alben. In etwa auf dem Niveau von „All That You Can´t Leave Behind“ (2000) - aber meilenweit von „Joshua Tree“ (1987) oder „Achtung Baby“ (1991) entfernt. Die Aussage von Bono, dass die Songs sehr viel näher an den Wurzeln von U2 sind, ist korrekt. „Raised By Wolves“ könnte genauso auf den Alben „Boy“ (1980) oder „War“ (1983) aus den Anfängen von U2 stammen. „Every Breaking Wave“ hingegen hört sich wie eine Ergänzung zu „Beautiful Day“ an.

Fazit: Diese Aktion hätte echt komplett in die Hose gehen können. Aber der musikalische Aufwärtstrend ist deutlich zu erkennen. Wenn ich mir das Album gekauft hätte, wäre es keine Geldverschwendung gewesen. Leider werden wir nie erfahren, wie die Musikwelt diese elf Songs ohne den Apple-Event aufgenommen hätte. Die Rückkehr von Dinosauriern löst halt keine Euphorie mehr aus. Schon gar nicht wenn sie im Jurassic-Park des Apple Konzerns stattfindet.


Bilder Deiner großen Liebe


Zuerst habe ich gedacht, es war wohl ein Fehler, in meiner Rezension von „Arbeit und Struktur“ vom Vermächtnis Wolfgang Herrndorfs geschrieben zu haben. Denn jetzt kommt noch etwas hinterher. „Bilder deiner großen Liebe“ ist ein fragmentarischer Roman-Entwurf mit einer Protagonistin aus dem Roman „Tschick“ namens „Isa“. Eigentlich sollte dieses Buch gar nicht erscheinen - die Nachlassverwalter haben sich aber für eine Veröffentlichung entschieden und begründen dies auch in einem ausführlichen Nachwort.

„Bilder Deiner großen Liebe“ ist während der Arbeit am Weblog entstanden, immer im Bewusstsein, dass es nie fertig werden würde. Herrndorf schreibt gegen Ende seines Blogs und seines Lebens, wie er nicht mehr weiterkommt. Man kann dieses Fragment auf zweierlei Art und Weise lesen. Als Ergänzung zu „Tschick“ oder als Versuch, ein letztes Werk jenseits des alles bestimmenden Kampfes gegen den Tod, jenseits des alltäglichen Versuchs „Arbeit und Struktur“ so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, zu erschaffen. Ich befürchte, dass letztere Lesart dominieren wird.

Dieses Fragment hat nicht die Bedeutung wie andere große Fragmente der Literaturgeschichte. Es ist die Welt aus der Sicht von „Isa“, dem Müllmädchen und seiner Sicht auf die Welt. Realität und Traum verschwimmen. Isa weiß so oft nicht, ob sie verrückt ist oder einem vernünftigen Gedanken nachjagt. Eine Situation, die Herrndorf so oft in „Arbeit und Struktur“ beschreibt.

Als Isa in den Himmel schaut und über Endlichkeit oder Unendlichkeit nachdenkt, kommt sie zu einer Erkenntnis: „Im einen Moment denkt man, man hat s. Dann denkt man wieder, man hat es nicht. Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denken will, dreht er sich unendlich im Kreis, und wenn man aus dieser unendlichen Schleife nicht mehr rauskommt, ist man wieder verrückt. Weil man etwas verstanden hat.“

Herrndorf hat die Ausweglosigkeit seiner eigenen Gedanken, die um das nahe Ende kreisten, literarisch etabliert. In einer Protagonistin, die unfertig ist. Die Unfertigkeit aber ist Grundlage von Naivität. Naivität ist die natürlichste Form der Neugier. Und mit Neugier beschreibt man die Welt am besten. Isa ist Naivität - nicht aus Unwissenheit, sondern geboren aus der Unfertigkeit von nahender Verzweiflung.

„Bilder Deiner großen Liebe“ ist sehr lesenwert. Je nachdem, aus welcher der beiden Sichtweisen sie an das Werk von Herrndorf herangehen wollen: lesen sie „Tschick“ und dieses Buch als Ergänzung. Oder „Arbeit und Struktur“. Oder alles drei. Und überhaupt - wenn da noch mehr kommt, die Korrepondenz von Herrndorf mit den Menschen, die nahe an ihm dran waren vielleicht. Oder eine Biographie irgendwann, ein Bildband, eine Dokumentation - nun, es ist in jedem Fall eine Bereicherung.


hearhere - „Rain"


Ein neues Video zu einem Song aus dem Album „Shadows Of The Ones We Love“. Einfach anschauen, zuhören und geniessen. Wer "hearhere" noch nicht kennt - hier gibt es einen Review zum Kennenlernen.

[Weiterlesen ...]


0 Imperatives Schweigen



Es gibt zwei Zitate von zwei wichtigen Philosophen. Beide Zitate sollten von jedem, der sich zum Denken berufen fühlt, zutiefst verinnerlicht werden. Diese Auffassung zu vertreten, prägt mein Schreiben, mein Ich, mein denkendes Ich seit geraumer Zeit. Auf meiner Insel - Aufenthalte dort sind pure Horizonterweiterung - habe ich beide Zitate jetzt sehr viel näher zusammengebracht. Ich bin verblüfft. Ich bin seit langem sicher, dass es eine Art von Mathematik in der Abstraktion gibt, eine Art Inventar von noch unentdeckten Formeln, versteckt in unserer Sprache. Aber dass zwei auf den ersten Blick und in jahrelanger Verinnerlichung gänzlich verschiedene Zitate auf den gleichen substantiellen, kaum beschreibbaren Kern abzielen, hat mich überrascht. Hier der Versuch, meine Erkenntnis zu erklären.

Von Peter Killert.

In meinem Essay „Varianten des Imperativs“ bin ich auf die universelle Bedeutung des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant eingegangen und habe ihn mit Varianten der großen aktuellen Philosophen Thomas Scarlon und Derek Parfit verknüpft. Diese Verknüpfung war sehr einleuchtend, da beide ihre Texte natürlich auch zu Kant in Relation setzen.

Ein anderer wichtiger Satz stammt jedoch aus dem Werk „Tractatus logico-philosophicus“. In diesem Werk stehen viele sehr gute Sätze. Einer ragt heraus. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Meine These ist nun ganz einfach. Ich behaupte, dass eine Erfüllung der Forderung Wittgensteins, eine perfekte Umsetzung des kategorischen Imperativs von Kant ist. Beide Sätze führen zu demselben Ziel: zu einem kategorischen, normativen Anspruch. Mehr noch: die Beherzigung der Forderung Wittgensteins ist ein ganz einfacher Anlass, dem kategorischen Imperativ von Kant eine praktische Anwendung abzugewinnen: das imperative Schweigen.

Man kann noch weiter gehen. Schweigen zu etwas, zu dem man nichts sagen kann, ist das ´Wollen-Können´ einer Maxime, aus der ein allgemeines Gesetz werden kann. Man stelle sich das vor: Menschen reden nur noch über das, worüber sie auch wirklich etwas sagen können. Natürlich kommt dabei direkt das Berufsbild des Politikers in den Sinn. Man stelle sich vor, Politiker reden und entscheiden nur über Dinge, über die sie etwas sagen können. Es würde sich wieder lohnen, den Redebeiträgen des Parlamentes zu folgen oder Talkshows anzusehen.
Natürlich ist mir bewusst, dass ich polemisiere. Weder Politiker, noch gewöhnliche Menschen, reden ausschließlich über Dinge, von denen sie nichts sagen können.

Fassen wir den Begriff ´reden´ ein wenig weiter und nehmen ´Kommunkation´ im Allgemeinen hinzu. Am besten noch die Kommunikation, die im vermeindlichen Schutzmantel der Anonymität der globalisierten Welt nicht nach Wissen oder Nicht-Wissen fragt. Das ´teilen´ von Unwissen ist nicht anderes, als das Reden statt eines angebrachten Schweigens. Gefährlich. Das ist sehr gefährlich, besonders in der Photoshopped Reality.
Da wird die Kippa eines Juden wegretuschiert und schon wird aus dem Opfer der einen Partei, ein Argument für eine nicht existente Realität. Da werden Inhalte geteilt, die man ausblenden, über die man schweigen sollte. Denn niemand kann wirklich etwas über diese Art der Realität sagen.

So entstehen unsäglich interessante Zusammenhänge:


  • Wenn ich nicht schweige, wo ich schweigen müsste und jemand schenkt dieser Oberflächlichkeit Glauben, trage ich dazu bei, dass die Welt falsch gesehen wird.
  • Ein falscher Blick auf die Welt ist wie die Orientierung an falschen Maximen.
  • Realität wird nicht nur durch Handeln bestimmt, sondern auch durch Worte.
  • Realität wird nicht nur durch Worte oder Handeln bestimmt, sondern auch durch Schweigen.
  • Schweigen birgt in sich das Potential einer Maxime für ein allgemeines Gesetz.
  • Schweigen ist vielleicht nicht immer richtig oder angebracht; Schweigen aber ist immer imperativ.
  • Handeln aus Unwissen oder Reden trotz Unwissen hat dieselben Folgen; es dient der Erbauung falscher Maximen.


Aber zurück zu Wittgenstein und Kant. Hat der Satz von Wittgenstein die gleiche Kraft wie der kategorische Imperativ? Ist der Satz von Wittgenstein nicht viel zu einfach?
Genau diese Frage und ihre Antwort ist so überraschend für mich. Darüber zu schweigen, wozu man nichts sagen kann, ist tatsächlich die einzig mir bekannte praktische Anwendung des kategorischen Imperativs. Ist das nicht unglaublich faszinierend? Die Maxime, die zu einem Allgemeinen Gesetz werden kann, ist das Schweigen. Das Handeln, das Kant meint, ist das Schweigen. Das imperative Schweigen. Ein Nicht-Handeln der besonderen Art. Ein Nicht-Handeln, das auf dem Bewusstsein von Nicht-Wissen, der stärksten Form von Mündigkeit basiert.

Mein Pläydoyer ist also ganz klar: Reden wir, wir alle, ab sofort nur noch über Dinge, über die wir wirklich etwas zu sagen haben. Und wenn wir etwas zu sagen haben, dann wollten wir auch die Mühe aufbringen, die richtigen Worte zu finden. Schweigen aber ist Nicht-Handeln. Reden wir über etwas, was andere mit ihrer Mündigkeit uns in den Mund legen wollen, Bilder, Nachrichten, Eindrücke, die wir anonym teilen sollen, dann werden wir dies ab sofort nur noch tun, wenn der Gegenstand über den wir reden und den wir mit unseren Worten in unsere Welt einordnen, so stark in unser eigenes, individuelles Wissen und unsere Mündigkeit eingebracht ist, dass es sich lohnt, das Schweigen zu brechen. Wir brechen die Maxime des Schweigens bewusst auf und stellen fest, wie banal das richtige Handeln doch ist: wir reden nur noch dann, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben.

Persönliche Anmerkung: Sie kennen jetzt den Grund, warum nur so sporadisch Artikel im Kultur-Magazin erscheinen. Ich schreibe nur dann, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich schreibe niemals über ungelesene Bücher, ungehörte Musik oder ungesehene Filme. Ich schreibe überhaupt nur dann, wenn mich ein Gedanke über eine längere Zeit beschäftigt und zum Durchdenken bewogen hat.






[Weiterlesen ...]


0 Die Dystopie ganz nah



Es gibt sicher amerikanische Schriftsteller, die wissen nicht, wer Günter Grass ist. Dave Eggers gehört nicht dazu. Er ist 2009, als Günter Grass mit seinem Israel-Gedicht für großes Aufsehen gesorgt hat, nicht zur Verleihung des von Grass gestifteten „Albatross-Literaturpreises“ nach Deutschland angereist. Er wollte nicht in den Sog dieser damals heftigen Diskussion hineingeraten. Egal, was man davon halten mag: Dave Eggers ist ein Beobachter. Wie präzise er die Welt beobachtet wird in seinem Werk „Der Circle“ deutlich. Das Buch sei eine Dystopie in der Tradition von Orwell und Huxley - so die Werbung. Nun, das stimmt nicht ganz …

Von Peter Killert.


Das Buch wird derzeit „gehyped“. Eine heftige Medienmaschinerie wurde angeschmissen. Alle großen deutschen Zeitungen berichten über „Der Circle“ von Dave Eggers. Es ist das Buch unserer Zeit.

Ein Hype schürt auch die Vorurteile, denn ein gutes Buch braucht keinen Hype. Ohne Vorbehalte an dieses Buch heranzugehen, war daher auch für mich schwierig. Um es vorwegzunehmen: das Buch sollte schleunigst verfilmt werden und auch die Menschen erreichen, die dieses Buch gar nicht erst lesen werden. Um genau diese Menschen geht es. Solche, die die „Work-Life-Balance-Scheiße“ so sehr verinnerlicht haben, dass sie zu unmündigen Menschen geworden sind.

Das Buch spielt in einer nahen, ganz nahen Zukunft. Mae hat einen Traumjob ergattert. Mit Hilfe ihrer alten WG-Mitbewohnerin Annie. Sie arbeitet jetzt beim „Circle“, dem größten, mächtigsten Unternehmen, dass die anderen globalen Player der Internetwelt aufgekauft hat.
Für Mae ist es ein grandioser Aufstieg. Vom finsteren Büro aus der Verwaltung eines Stadtwerkes hin in das Zentrum des wichtigsten Unternehmens der Welt. „Der Circle“ hat die Technik von Google und die Archive von Facebook gekauft. Das Leben seiner Angestellten ist transparent. Wie auch der „Campus“. Dank der gläsernen Büros, der transportablen Webcams, die nahezu jeden Ort, jeden Moment festhalten, was dort geschieht, gibt es nichts Privates mehr. Mae, die schnell Kontakt zu einem Kollegen fast, wird vorgeführt, als sie ungewollt bei einer Keynote zum Prototypen für ein neues Modul einer Kontaktbörse wird.

Eggers konstruiert die Geschichte sehr geschickt, in dem er analog zum Circle, der maßgeblich von drei Firmengründern gesteuert wird, auch in Mae´s Leben drei Ebenen aufbaut, von denen die berufliche Ebene des „Cirlce“ allmählich die der Realität und die des Traumes durchdringt und nahezu auflöst. Mae flüchtet in ihren Sport, dem Kajakfahren, bei dem sie ganz alleine sein kann. Aber auch hier dringt der Circle ein. Die brutale Realität durch die Krankheit ihres Vaters - er leidet an Multipler Sklerose - wird durch den Gesundheitswahn des Circle, der alle Vitalwerte eines Menschen zur Optimierung überwacht, konterkariert.

Einige Rezensenten fanden die Lektüre langweilig. Weil nichts passiert. Oder zu wenig passiert. Ich sehe das anders. Denn dass nicht wirklich etwas passiert, kann man dem Buch nicht vorwerfen, sondern lediglich seinem Thema. Social Media ist belanglos, denn es ersetzt den sozialen Kontakt. Alles, was Menschlichkeit ersetzt, ist belanglos. Wer sich aber in Mae hineinversetzt, der dürfte die tiefe Zerrissenheit der Protagonistin spüren.

Vier Monitore hat Mae ständig um sich. Sie muss Kundenanfragen beantworten, die Anweisungen ihres Chefs im Auge behalten, die Anfragen der neuen Mitarbeiter koordinieren und - das ist besonders wichtig - sie muss teilen, teilen, teilen. Und wenn sie mal die Einladung zu einem Treffen, ausgelöst von einem Kollegen, den sie persönlich zuvor gar nicht kennengelernt hat, gar nicht über den Social Stream des Circle wahrgenommen hat - der Kollege hat sie nur ausgewählt, weil sie beiläufig mal etwas in einem Kommentar erwähnt hat, was zum Thema des Meetings passte - dann steht prompt ihre berufliche Existenz auf dem Spiel. Und wehe, sie hat ihr Smartphone nicht dabei. Innerhalb von Minuten und wenigen verpassten Follow-Ups verschwinden ganze Freundschaften.

Dave Eggers (c) Kiwi-Verlag.
Die Endzeitstimmung in „Der Circle“ ist im Gegensatz zu Orwell eine, die aus den Menschen selbst herauskommt. Die Menschen sind fremdgesteuert durch ihr eigenes Kollektiv. Der BigBrother von Orwell wurde durch die stringente Fehlleitung des Individuums in seiner eigenen Unmündigkeit ersetzt. Gesteuert wird der Mensch durch seinen Drang, etwas Wichtiges sein zu wollen. Und durch die irrige Annahme, dass sich der Wert eines Menschen durch seine virtuellen Kontakte und durch virtuelle Anerkennung bemessen ließe. Ein schnelles Aufsteigen in der Hierarchie, versüßt durch sündhaft teuere Werbegeschenke und Produkte, die die Mitarbeiter des Circle als Erste bekommen - diese materialistische Anerkennung betäubt den letzten Rest von Individualität, indem sie letzte Zweifel aushebelt. Der in die „Work-Life-Balance“ integrierte Individualkonsum greift die armseligen Bestände menschlicher Würde an. Eggers folgert sehr richtig, dass dieses individuelle Fehlverhalten existenzbedrohend ist. Für den Einzelnen und für das Kollektiv.

Aber hat dieses Buch das Zeug zu einem Kultbuch? Das lässt sich nicht abschließend beurteilen. Ich tendiere zu einem „Nein“. Nicht, weil das Buch schlecht wäre oder langweilig - der Unterschied zu Orwell ist ganz einfach. Eine Dystopie basiert auf Ausweglosigkeit. Der Circle ist lediglich eine egomanische Momentaufnahme. Auch wenn ich Eggers Position teilen würde und seine Zukunftsvision für sehr wahrscheinlich halte - das Durchschauen eines Unternehmen, dass Mitarbeiter mit kostenlosen Benefits ködert und dessen „Campus“ nur die Dynamik der Jugendlichkeit repräsentiert, wird sich verstärkt mit ethischen und demographischen Fragen konfrontiert sehen. Mit der Realität also. Die Virtualität wird niemals die Realität ersetzen, sie wird sie blass und belanglos übertünchen. Denn Leben, als gäbe kein Morgen, geht in 1984. Bei Orwell nämlich, ist die Unmündigkeit die Folge der Kontrolle. Bei Eggers ist sie die Grundlage. Ich glaube nicht, dass die Dummheit passiv dem Menschen zugewiesen wird. Weder dem Individuum, noch dem Kolletiv. Der Mensch entscheidet sich heute bewusst für seine eigene Unmündigkeit. Im Circle aber hat die menschliche Dummheit von Anfang an gewonnen. Wäre dies eine reale Option, dann hätte niemand dieses lesenswerte Buch wahrgenommen. Dumme Menschen lesen keine Bücher. Hype hin oder her.
[Weiterlesen ...]


0 Never Ending Story



Die Buchbranche und ihre Darstellung in den Medien wird derzeit vom Amazon-Bashing beherrscht. Amazon ist Schuld an allem. Am Niedergang der kleinen schnuckeligen Buchhandlung um die Ecke, am Hartz IV-Antrag des Zwischenhändlers, dem Verlust von Einfluss und Macht der bisher ach so humanen großen Verlagsketten und am Niedergang der Lese-Kultur im Allgemeinen. Kann man das auch anders sehen? Man kann ... .

Von Peter Killert.

Wenn Günther Wallraff die sozialen Zustände beim Konzern Amazon anprangert und wie so oft der Gesellschaft vor Augen hält, dass die Geizheilheit wieder keinen Halt vor der Menschenwürde gemacht hat (ganz schlimm ist es zur Weihnachtszeit, der Zeit der Nächstenliebe und des logistischen Overkills), dann glaube ich ihm das. Wenn Menschen allein aus diesem Grund Amazon konsequent boykottieren und nicht zeitgleich ihr Smartphone von Hersteller X, Sportschuhe von Y und Kaffeepadmaschine von Z verwenden, dann haben diese Menschen meine Hochachtung. Und diesen konsequenten Idealisten, Veganer, Fahrradfahrer und passionierten Mülltrenner gibt es. In aller Konsequenz gibt es ihn - Einen unter einer Million. Alle anderen sind Heuchler. Ich bin kein Heuchler. Weil ich Amazon nicht boykottiere.

Ich glaube nicht an das Märchen, dass es einen Bösen gibt und der Rest der Welt besteht aus Idealisten, die nur das Beste wollen und schon immer wollten. Ich glaube nicht, dass bei anderen Versandhäusern bisher Mindestlöhne oder mehr gezahlt wurden. Ich glaube, dass jedes Unternehmen aggressiv und menschenverachtend auf Profit ausgerichtet ist. Es mag Ausnahmen geben. Die sind so lobenswert wie die Boykotteure - aber sie sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Und eine Sache glaube ich schon mal gar nicht. Amazon ist nicht Auslöser eines gigantischen Paradigmenwechsel. Sie sind Nutznießer dieser Entwicklung und Vorreiter, weil sie eine zwangsläufige Entwicklung nicht nur nicht künstlich zurückhalten wollen, sondern diese sogar noch beschleunigen.

2009 bis 2010 wurden in Deutschland 1,5 Millionen eBooks verkauft. Für die Jahre 2014 bis 2015 werden es ca. 60 Millionen sein (Quelle). Jeder dritte Deutsche im lesefähigen Alter wird dann statistisch gesehen im Jahr ein eBook gekauft haben. Ich kann mich an Aussagen aus 2009 erinnern, wo „Fachleute“ von einem eBook-Anteil von unter 20% bis zum Jahr 2020 ausgegangen sind. (finde leider keinen Beleg für diese Aussage) - die aktuelle Entwicklung weitergedacht wäre selbst eine Invertierung dieser 20% auf 80% noch zu verhalten geschätzt. 2020 werden sie nur noch Menschen mit mobilen Devices sehen. Diese Devices werden auch zum Lesen benutzt. Sehen sie 2020 im Park einen Menschen, der ein Buch liest, dann ist dieser Mensch ein Exot.

Das Argument, dass die Screens von Tablets und eBook-Readern nicht den Lesekomfort wie ein Buch bieten würden, ist obsolet. Dank hochauflösender Displays, die sich innerhalb weniger Monate zum Standard entwickelt haben. Und als mir neulich ein Verlag ein Buch, ein dickes gebundenes Buch zur Rezension geschickt hat, hat mich das richtig genervt. Wo schreibe ich meine Notizen hin? Wie soll ich dieses Buch mitschleppen? Wo kann ich eine Stelle per Volltextsuche wiederfinden und per Copy/Paste an Wikipedia verweisen? Geht nicht. Noch bin ich nicht so weit, dass ich die Rezension gänzlich aufgegeben habe. Aber ich war nahe dran. Kein herkömmliches Buch wird mich je wieder auf eine Reise begleiten. Und ich werde nie wieder etwas auf Papier publizieren. Der Paradigmenwechel, der Austausch des Mediums ist in mir schon komplett vollzogen. Wie mag das bei Menschen sein, die jünger sind? Die Geschwindigkeit, mit der dieser Paradigmenwechsel erfolgt, ist enorm. Und sie wird nach wie vor unterschätzt.

Das Ergebnis eines künstlichen Aufrechterhaltens von profitablen Strukturen erkennen sie, wenn sie die Preise vergleichen. Manchmal ist es so, dass ein eBook genauso viel kostet, wie das gedruckte Buch. Und wer profitiert davon? Der Leser? Sicher nicht. Der muss genauso viel zahlen. Das Argument, dass auch ein eBook ein Lektorat und Marketing benötigt, ist zu kurz gedacht. Fragen sie doch mal in einem Verlag nach, wie die Löhne bei Lektoren gestiegen sind. Gar nicht? Aha. OK, weil die Verlage weniger Umsatz machen? Stimmt nicht. Die Aktionäre und die Manager in den oberen Etagen der alles kontrolierenden Verlagsgruppen wie Barnes and Nobles, Randomhouse (Bertelsmann) verdienen ohne Ende und greifen immer wieder nach den etablierten Buchhändlern - Bertelsmann strebt schon lange eine Kooperation mit Thalia oder der Mayerschen Buchhandlung an. Teilweise ist diese Kooperation bereits in trockenen Tüchern. (Quelle). Daran gehen die kleinen unabhängigen Buchhandlungen kaputt und eben nicht nur an Amazon. Und bevor Amazon aus dem Hintergrund heraus immer mächtiger wurde, waren auch genau diese Riesen die größten Feinde der unabhängigen Buchhändler. Wie schnell sich doch die Feindbilder ändern, wenn sich eine Branche auf einen Bösen einschiesst. Ich würde fast so weit gehen zu sagen, dass etablierte Buchläden diesen Braten längst gerochen haben.

Von dem Profit, der sich aus den völlig überhöhten eBook Preisen ergibt, kommt bei den Autoren erst recht nichts an. Weil das Spiel seit Jahren so läuft. Echte Macher, Programmverantwortliche eines Verlages, werden gefeuert. Da kann das Programm, die Substanz noch so gut sein - der Profit ist entscheidend. Solche Instanzen, die Chefmanager in den großen Verlagskonsortien als Hüter der Lesekultur zu sehen ist schon gar nicht mehr naiv. Es ist schlicht Blödsinn. Wer es nicht glaubt - bitte hier nachlesen.

Es wird sein, wie mit den Schallplatten. Läden, die sich spezialisieren, werden die Vinyl-Liebhaber für Jahrzehnte als Kunden haben. Die Argumente, die für Vinyl sprechen, sind unerheblich. Ich kann jeden verstehen, der Schallplattem sammelt und sich auch über aktuelle Neuerscheinungen auf Vinyl freut. Es ist ein Zeichen des guten Geschmacks. Dennoch ist das Vinyl schon lange nicht mehr das Medium erster Wahl für Tonträger. Bei den Schriftträgern ist dieser Umbruch in vollem Gange. Bücher wird es immer auch in Papierform geben. Aber allein schon das Wort "Papier" der „Form“ voranstellen zu müssen, stellt das Medium in eine Nische. Das ist eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt. Ob der Dämon, der diese Kultur überollt Amazon oder Apple oder Google oder sonstwie heißt.

Man kann also weiter herumreden. Meine Auffassung zum eBook an sich habe ich bereits kundgetan. Halten wir die Fakten fest:

  • Der Umsatz mit eBooks in Deutschland hat sich innerhalb von fünf Jahren um das 60fache erhöht.
  • Die großen Verlagshäuser und Buchhandelsketten fangen jetzt erst damit an, ihre Strategie darauf auszurichten. Fakt ist, dass es tatsächlich nur einen alternativen vom Buchhandel subventionierten eBook-Reader in Konkurrenz zum Kindle gibt  (nannte sich früher OYO, heißt heute Tolino).
  • Fakt ist ferner, dass durch die Aufrechterhaltung der Buchpreisbindung auch bei eBooks nichts bei Autoren, Lesern oder den Mitarbeitern im etablierten Buchhandel ankommt. Der Profit geht in die übergeordneten Großkonzerne, die genauso stark sind, wie Amazon.
  • Fakt ist, dass Amazon eine Publishing-Plattform anbietet, die etablierte Verlage in ihrer Nachhaltigkeit noch nicht mal ansatzweise begreifen. Die glauben tatsächlich immer noch, dass ihr Auswahlverfahren, ihr Lektorat, ihr Marketing noch gebraucht wird und Garant von Qualität ist.  Wie damals, als die Brockhaus Redaktion die Menschen von Wikipedia kleinreden wollten. Es gibt aber keine Menschen, die allein aufgrund von etablierten Strukturen die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten- Darin sehe ich ganz persönlich das größte Problem überhaupt. Wenn Amazon sich mit dem nächsten Schritt, dem KDP-Select (eine Flatrate von 10$ im Monaten zum Lesen beliebig vieler Bücher der eigenen Publishing-Plattform) etabliert, dann besteht tatsächlich eine Gefahr für die Kultur. Denn dann steht nur noch der Leser im Fokus und die Autoren müssen ihre Werke zu Ramschpreisen anbieten. Eine mögliche Lösung dafür wäre eine Kultur-Flatrate (ich höre den Aufschrei des kritischen Lesers bei diesem Wort). Dazu aber gibt es eigenen Essay.

Um abschließend noch mal eines klarzustellen: ich mache hier keine Werbung für Amazon. Amazon als profitgeiler Konzern, der Menschen ausbeutet, ist widerwärtig. Ich bin auch kein Zyniker, der Idealisten, die diese Zustände verändern wollen, durch den Kakao zieht. Idealisten - und nur Idealisten - verändern die Welt zum Positiven. Ich plädiere lediglich dafür, wieder mehr den Tatsachen ins Auge zu sehen, die Dinge anzupacken, die vor Jahren hätten angepackt werden müssen und mit dem Gejammer aufzuhören, dass der Teufel Amazon die traditionelle Buchkultur kaputtmacht. An jeder Art von Veränderung werden die profitieren, die skrupellos sind. Das war so und das wird immer so sein. Die Frage ist nur, warum diese never ending story immer wieder neu erzählt werden muss und Menschen sie erst am Ende begreifen. Wenn es zu spät ist. Nicht zu spät im Sinne von Weltuntergang, aber zu spät im Sinne von „hätte ich doch mal … als noch Zeit war …“. Die Moral der never ending story: Menschen werden nie aus Schaden klug, sondern immer erst hinterher. Wenn die Geschichte schon erzählt ist. Erzählt hat sie immer ein anderer. Warum bin ich nicht der Erzähler?
[Weiterlesen ...]


0 Shadows Of The Ones We Love



In den 70er Jahren bekam die elektronische Musik ihre besondere Ästhetik. Federführend hierbei die Menschmaschinen von Kraftwerk. In den 80er Jahren ging eine Schere auseinander - Pop und Darkwave. Mittendrin Bands wie Depeche Mode als Konstante. Das setzte sich den 90er und den 00er Jahren fort. Niedliche Tanzbarkeit oder Letargie die Leitmotive, irgendwo zwischen Pet Shop Boys und Anne Clarke. Jetzt greifen „hearhere“ mit ihrem Debüt den Weltschmerz wieder auf und liefern eine neue Interpretation elektronischer Musik. 

Von Peter Killert.

„Weltschmerz“ ist sicher eine abgedroschene Vokabel. Aber der Wunsch der Jugend, sich in ersten existenziellen Gedanken und Zweifeln auszudrücken ist in jeder Generation präsent. Die dunklen Augen und Klamotten der Grufties und Waver der 90er Jahre finden sich heute bei den Emos. Was als individuelle Ausgrenzung dient, ist dennoch eine Art kollektive Depression. Was passiert aber, wenn solche Menschen erwachsen werden? Was, wenn aus Zweifeln ein künstlerischer Anspruch erwächst? Was, wenn man die elektronische Musik neu erfinden und Worte für den Weltschmerz finden möchte? Alles schon mal gehört? Alles schon mal gesagt? Mitnichten.

„hearhere“ haben genau das versucht. Ihr Debüt „Shadows Of The Ones We Love“ greift sich das Beste aus Synthiepop, Industrial und Darkwave auf musikalischer Ebene. Textlich bringt Crystin Fawn die Gedanken und Zweifel einer Generation auf den Punkt. Wir sind nur die Schatten derjenigen, die wir lieben. Wir alle wollen eine Vorstellung erfüllen, flexibel sein, die Möglichkeiten als Möglichkeiten erhalten. Und vergessen dabei, konkrete Wege zu gehen.

Diese Komplexität unserer Zeit spiegelt sich im Titelsong, der erst nach etlichen Durchläufen eingängig wird. Zuvor poppige Eintracht. „Do I Have a Flower in my hair or what?“ im Song „Flowers“ - die Stimme der Sängerin erinnert hier ein wenig an „Propaganda“ bei ihrem kaum beachteten Comeback im Jahr 1990. Dann so etwas wie normative Romantik in „The Essential Thing“. Das ist natürlich die Liebe. „The centre of our life should be the love inside“. Das kommt dann textlich Anne Clarke schon sehr nahe. Texte mit melancholischer Substanz.

Da stellt sich die Frage, was die Liebe außerhalb von uns sein mag? Das führt dann unweigerlich zu depressiven Einschüben wie im Song „Anytime“ - das sind Songs, die klarer Hinweis darauf sind, dass „hearhere“ niemals das große Publikum erreichen werden. Es sei denn, die Masse hätte Hermann Hesse gelesen und interpretiert „You could go anytime“ als den beständigen Ausweg, der jedem Menschen jederzeit offensteht - der Steppenwolf zog seine Kraft aus diesem Ausweg. Es macht einfach Sinn, an einen Sinn zu glauben. Eine Alternative gibt es nicht wirklich. „For trying to go on, longing for the sun.“

Wenn eine Band mit vornehmlich elektronischen Mitteln Musik machen möchte, dann hat sie das Problem, dass sie nicht allzu bemüht klingen darf. Das haben „hearhere“ geschickt mit einer guten Mischung aus eingängigen Songs und mehreren Aufforderungen zum Wiederhören umgangen. „Rain“ oder „New Heart“ - meine persönlichen Highlights neben dem Titelsong - sind dafür gemacht, sie immer wieder zu hören. Fenster öffnen, ein Gewitter kündigt sich an. Die Sonne weicht den Schatten. „hearhere“ erfinden die elektronische Musik nicht. Sie interpretieren sie neu.



www.hearhere.de




[Weiterlesen ...]


 

Kultur-Magazin im Netz



Ihnen gefällt das Kultur-Magazin? Dann freuen wir uns über Unterstützung via flattr:

Kontakt

www.kultur-magazin.de
c/o Peter Killert
Postfach 1118
53821 Troisdorf
kontakt@kultur-magazin.de
Impressum

Besuchen Sie bitte auch www.killert.de.

Hinweis

Bei der Verwendung von Medien achten wir streng darauf, dass die Copyright Richtlinien der Medien eingehalten werden. Viele der Medien entnehmen wir wikipedia und den angeschlossenen Seiten. Sollten Sie einen Verstoss gegen diese Richtlinien bemerken, so geschieht dies unabsichtlich und hat keinen kommerziellen Hintergrund. Bitte treten Sie in diesem Fall mit uns in Kontakt.
Zum Seitenanfang Copyright © 1997-2014 | Peter Killert Theme template based upon Platinum Theme by HackTutors